Medizin-und-Psychologie
Von
Martina Frei. Aktualisiert um 07:46 Uhr
Aufputschmittel gegen Hyperaktivität,
Hautausschlag als günstiges Zeichen – in der Schulmedizin gibt es Beispiele für
die homöopathischen Hypothesen.
Dass Homöopathen bis zur Unendlichkeit verdünnte
Arzneimittel einsetzen, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist, wie sie den
Verlauf einer Erkrankung einschätzen. Nach ihrer Lehre sollen Krankheiten von
innen nach aussen verschwinden. Bessern zuerst die schlimmen Krankheiten und
erst danach die leichteren, entwickelt sich die Erkrankung günstig. So das
Postulat.
Dafür gibt es auch in der Schulmedizin Beispiele. Einige
moderne Krebsmedikamente, etwa das sogenannte Cetuximab,
können einen akne-artigen Hautausschlag verursachen. Studien haben nun gezeigt,
dass dies prognostisch günstig ist. Darmkrebspatienten, die schwere
Hautausschläge bekommen, sprechen auf die moderne Krebsbehandlung besser an als
Kranke, die keine Hautprobleme entwickeln. Wessen Haut binnen drei Wochen nach
Behandlungsbeginn reagierte, dessen durchschnittliche Überlebenszeit betrug 15
statt 9 Monate, ergab eine Studie.
Nicht vollständig erklährbar
Ein ähnliche s Phänomen tritt bei einer modernen Brustkrebstherapie
auf. In einer Studie mit dem Rezeptorblocker Tamoxifen
und dem Hormonblocker Anastrozol zeigte sich, dass
die Frauen bessere Chancen hatten, wenn sie Gelenkbeschwerden bekamen – ganz im
Sinn der homöopathischen Behandlungregel. Patientinnen,
die in den ersten drei Monaten der Therapie diese Nebenwirkung erfuhren, hatten
ein rund 40 Prozent geringeres Risiko für einen
Brustkrebs-Rückfall.
Vollständig erklären können die Forscher diese
Mechanismen bisher nicht; im Fall von Cetuximab
finden sich die Rezeptoren, welche das Medikament blockiert, nicht nur im
Tumor, sondern auch in bestimmten Zellen der Haut. Das erklärt, weshalb sie
mitreagieren kann.
Bienengift bei Bienenallergie
Der Grundpfeiler der Homöopathie ist die
«Ähnlichkeitsregel». Ruft eine Substanz, beispielsweise eine Zwiebel, bestimmte
Symptome bei Gesunden hervor (gerötete Augen und laufende Nase), kann sie genau
diese Symptome bei Kranken heilen, glauben die Homöopathen. Deshalb bekommt ein
Heuschnupfen-Patient unter Umständen «Küchenzwiebel homöopathisch». Eine
Variante der Ähnlichkeitsregel ist die Isopathie:
Dabei wird «Gleiches mit Gleichem» behandelt.
Auch die Schulmedizin verfährt punktuell nach diesen
Prinzipien. Bei der Behandlung von Allergien etwa verabreichen die Ärzte dem
Patienten Spritzen oder Tropfen einer hoch verdünnten Lösung, die den Stoff
enthält, gegen den die Person allergisch ist. Die bekanntesten Beispiele sind
Bienen- und Wespengiftallergien.
Ritalin ist homöopathisch nachvollziehebar
Dass hyperaktiven Kinder ausgerechnet ein
Aufputschmittel wie Methylphendiat (z.B. Ritalin) hilft, sich besser zu konzentrieren, ist für den
Laien erstaunlich – lässt sich mit dem homöopathischen Prinzip aber nachvollziehen. Das Problem dieser Kinder ist, dass sie
nicht gut konzentrieren können. Bei einer bestimmten Konzentration hemmt M ethylphenidat die Reizübertragung im Gehirn und fördert so
die Aufmerksamkeit – aus schulmedizinischer Sicht ist der Wirkstoff deshalb nur
pauschal betrachtet ein Aufputschmittel.
Ein anderes Beispiel ist Capsaicin:
Der scharfe Wirkstoff aus Chilischoten reizt bestimmte Schmerzrezeptoren. Die
Schmerzen, die Capsaicin verursacht, sind jenen nach
einer Gürtelrose sehr ähnlich. Der schulmedizinische Einsatz von 0,025- bis
0,075-prozentigen Capsaicin-Zubereitungen als
Schmerzmittel bei genau diesem Zustand mutet deshalb eigentlich widersinnig an
– entspricht aber dem homöopathischen Vorgehen. Anzufügen ist jedoch, dass die
Schulmediziner – anders als die Homöopathen – die Wirkstoffe in chemisch messbaren
Dosen anwenden.
Weniger Antibiotika als vor 15 Jahren
Stark sind die Homöopathen im ausführlichen Erheben der
Krankengeschichte. Einen grossen Teil der Zeit widmen sie dem Zuhören und
Sprechen mit dem Patienten. In der Medizin gilt: E in gutes, ärztliches
Gespräch führt in etwa 70 Prozent der Fälle zur richtigen Diagnose. Ein Bonmot
der Schulmedizin aber lautet: «Weil das Computertomogramm
keinen Befund ergab, entschlossen wir uns zur Anamnese.» Beachtung findet die
ärztliche Gesprächskunst in der Schulmedizin meist aus Zeitgründen nur wenig,
und nicht einmal drei Prozent der medizinischen Publikationen befassen sich
damit.
Was technische Untersuchungen oder das Verschreiben von
Medikamenten betrifft, sind Homöopathen meist zurückhaltender als ihre schulmedizinischen
Kollegen. Die Gefahr ist, dass sie so frühzeitige Diagnosen oder notwendige
Therapien versäumen. Bei einigen Erkrankungen hat aber selbst die Schulmedizin
nun – durch Studien belegt – ein «homöopathisches» Niveau im Verordnen von
Medikamenten.
Noch vor etwa 15 Jahren etwa bekamen Kinder mit
Mittelohrentzündungen in der Mehrzahl der Fälle ein Antibiotikum. Heute
verordnen die Kinderärzte dies in der Minderhei t der
Fälle. Denn inzwischen ist erwiesen, dass die Mittel bei diesen Beschwerden
meist keinen Nutzen bringen, sondern – im Gegenteil – das Entstehen von
Resistenzen begünstigen.
Dies sind einige Beispiele, wo sich das homöopathische
Vorgehen in der Schulmedizin zu bestätigen scheint. Es gäbe weitere Gebiete, in
denen die Schulmediziner von den Homöopathen lernen könnten (und umgekehrt).
Sie müssten aber dazu bereit sein wollen. Und die Homöopathen müssten nach
Wegen suchen, ihre Hypothesen mit Hilfe ihrer Kollegen wissenschaftlich zu
überprüfen. Denn der wissenschaftliche Beweis, dass sie mit ihren Annahmen
richtig liegen, fehlt – leider.
Die TA-Redaktorin hat bis Ende 2000 als homoöpathische Ärztin gearbeitet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.05.2009, 20:02 Uhr